Sinti und die Migrationsfalle

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Sinti und die Migrationsfalle

Beitrag von Lallaru Tschawu am Di Okt 01, 2013 9:19 pm

Verehrte Leser,

im Rahmen der Migrationsdebatte werden in Talkshows, Zeitungsmeldungen und TV-Berichten Sinti regelmässig zusammen mit Osteuropäischen Roma benannt. Sind Roma und Sinti wirklich ein gemeinsames Volk wie es die Bezeichnungen Sinti u.Roma/Zigeuner suggerieren? Lehnen mitteleuropäische Sinti entsprechende Bezeichnungen ab, oder identifizieren sie sich mit ihnen? Existieren sprachliche und kulturelle Unterschiede zwischen Sinti und Roma, oder nicht? Hier der kurze Versuch einer Zusammenfassung...

Sinti leben in Mitteleuropa/Norditalien, verstehen sich als völlig eigenständige Minderheit und sehen es äußerst kritisch wen an ihrem Selbstverständnis gesägt und ihre Eigenständigkeit in Frage gestellt wird. Leben und leben lassen, das ist die Kurzformel des Lebensgefühls der Sinti. Obwohl Sinti normalerweise sehr gläubig sind laufen sie nicht mit einem Heiligenschein durch ihre Heimatländer, dürften aber in ihrer Gesamtheit etwas dagegen haben ständig unter Oberbegriffen wie  “Sinti und Roma oder Zigeuner” mit Prostitution, Asylmissbrauch, Bettel oder Schlepperbanden in Verbindung gebracht zu werden. Es existiert weder ein gemeinsames Volk der Sinti und Roma/Zigeuner, noch sind Sinti eine Untergruppe der Roma mit gemeinsamer Sprache und Kultur...Punkt. Bestimmte Strukturen die Romagruppen betreffen, existieren bei Mitteleuropäischen Sinti nicht. Über “Zigeunerkönige“ die märchenhaft reich sind und im Luxus leben, oder Heiratsmärkte auf  denen Männer für mehr oder weniger Geld junge Frauen kaufen können, wird die Mehrzahl der Sinti wohl verwundert den Kopf schütteln. Es liegt auf der Hand, das entsprechende Strukturen  bestimmte Klischees über Zigeuner erfüllen, und daher von Teilen der Mehrheitsgesellschaft mit Vorliebe thematisiert werden. Die Volksgruppe der Sinti, hatt in Mitteleuropa 600 Jahre Verfolgung und Assimilationsdruck überstanden, und trotzdem ihre eigenständige Kultur bewahren können. Sinti sind ein stolzes Volk, und das Recht auf Selbstbestimmung kann dieser Minderheit auch in der heutigen Zeit niemand nehmen. Dort, wo diese Selbstbestimmung verloren gegangen ist, muß sie wiedergewonnen werden. Weshalb sollten deutsche Sinti nicht stark genug sein, um ihre Interessen nach Außen auch ohne Roma oder andere Gruppen zu vertreten? Wer den Kampf für die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der Sinti dieses Landes aufnehmen möchte, steht auf dem festen Fundament ihrer alten Kultur, Sprache und ehrwürdigen Gesetze.



Kein vernünftiger Politiker, Journalist oder Wissenschaftler würde jemals behaupten das osteuropäische Roma in ihrer Gesamtheit kriminell wären, und trotzdem gibt es Roma, die Not und Elend anderer Roma ausnützen. Dies ist sicher nicht die Regel, aber leider Tatsache. Und natürlich spielt bei „organisierter“ Bettelei auch die Struktur von Großfamilien eine Rolle. Zur Zeit gibt es hierzulande keine Daten die klar über Stärke oder gesellschaftliches Verhalten von Roma-Migranten informieren, weil im gesamten EU-Raum (außer Großbritannien) keine entsprechenden Erhebungen über Familien Gruppen oder Ethnien gesammelt werden dürfen. So ist es in den EU-Ländern mehrheitlich nicht vorgesehen, Bevölkerungsdaten mit dem Unterscheidungsmerkmal "ethnischer Hintergrund" von Amts wegen zu erfassen. . Dies öffnet natürlich rechter Hetze und Fremdenhass Tür und Tor. Wo keine gesicherten Daten über Zusammenhang von Armutsmigration, und damit verbundener Einwanderung in deutsche Sozialsysteme zu finden sind, lässt sich natürlich jeder Unsinn behaupten. Die Diskussion um osteuropäische Roma sollte ehrlicher geführt werden als bisher, und hier geht es auch um die Roma-Politik von Ländern wie Bulgarien,Rumänien der Slowakei oder Ungarn die ihre Probleme mit Roma anscheinend am liebsten auf Westeuropa, und Länder wie Deutschland Österreich oder die Schweiz abwälzen möchten. Hier gegenzusteuern ist von EU Seite dringend notwendig. Dies kann nicht nur durch Hilfsgelder geschehen, die in Osteuropa mehr oder weniger sinnvoll verwendet werden (oder in dubiosen Kanälen versickern) ohne die eigentlichen Adressaten sprich...bedürftige Romafamilien zu erreichen sondern auch durch wirtschaftlichen Druck der EU.  

Die Reichen Roma



Das britische System der Datenerfassung ist  anders aufgebaut als in der übrigen EU, und wurde deshalb vom Open Society Institute  (einem führenden Institut der Roma-Forschung) als vorbildlich für den gesamten EU-Bereich eingestuft. Im vereinigten Königreich finden ethnisch differenzierende Erhebungen statt, beispielsweise in Bildungseinrichtungen, in Arbeitsstätten und auch durch den Bevölkerungszensus (mit dem Zensus wird ermittelt, wie viele Menschen in einem Land, oder einer Gemeinde leben, wie sie dort wohnen und arbeiten). Mit diesen Erkenntnissen können anschließend Ressourcen und Initiativen auf ethnische Bevölkerungsgruppen wie Roma konzentriert werden, die nachweisbar Probleme an gesellschaftlicher Teilhabe oder (bestimmte Familien) ihrer Sozialstruktur aufweisen. Beinahe noch wichtiger ist jedoch der Aspekt, das durch diese Daten Erfolge im Zeitverlauf messbar werden. Dadurch können nachweislich erfolgreiche Programme weiter ausgebaut, andere Projekte dagegen gekippt werden. Leider sperren sich der Zentralrat deutscher Sinti und Roma, bestimmte Parteien und Publizisten hierzulande regelmässig gegen diese Form der Datenerfassung, obwohl dadurch sehr schnell bestimmte Probleme der Zuwanderung aufgezeigt und behoben werden könnten.

Herrscher zwischen den Welten

Die Behörden befinden sich hier in einer Zwickmühle. Einerseits dürfen diese Daten nicht erhoben werden, andererseits ist die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Minderheit und Verfolgung als Roma, Grundlage entsprechender Asylanträge.Unter den zugewanderten Roma befinden sich nämlich nicht nur Hochschulabsolventen, sondern auch Menschen die in ihrer Heimat am Rande des Existenzminimums gelebt haben und in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Deutschland kommen. So erhält eine rumänische Familie pro Kind derzeit monatlich 8,50 Euro Familienbeihilfe, die Sozialhilfe beträgt rund 26 Euro im Monat (für eine Person) und 95 Euro für eine fünfköpfige Familie. Dies reicht auch in Rumänien nicht zum Leben. Hoch verschuldete Kommunen wie Duisburg oder Berlin wenden  Millionen Euro auf, um die gröbste Not der Zuwanderer abzuwenden. Berlin hat 63 Milliarden Euro Schulden, das sind beinahe 22.000 Euro pro Einwohner. In Bremen sind es pro Kopf rund 34.000 Euro Schulden, in Hamburg knapp 21.000 Euro. Hier ist Solidarität mit Armutsflüchtlingen natürlich schwierig, und man sieht die Probleme entsprechender Kommunen klar und deutlich. Kaputte Straßen in den Randbezirken, geschlossene Schwimmbäder, oft auch marode Schulen. Städte, die kein Geld haben und Kredite nur noch bekommen, weil ihr Land dafür haftet, und Finanzspritzen durch den Länderfinanzausgleich erhält. Die Stadt Mannheim musste jüngst ein Mietshaus kaufen, um Geschäftemacher zu stoppen, die Zimmer und Matratzen zu Wucherpreisen an Einwanderer vermietet hatten. Ob es sich bei den „Wucherern“ um Roma oder deutsche Immobilienspekulanten gehandelt hat, fand allerdings keinen Eingang in eine Statistik.

BR-AKTUELL/ ROLF BAUERDICK


Zuletzt von Lallaru Tschawu am Mo Okt 14, 2013 5:34 pm bearbeitet; insgesamt 3-mal bearbeitet

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Re: Sinti und die Migrationsfalle

Beitrag von Lallaru Tschawu am Sa Okt 05, 2013 4:59 am

Nach vorsichtigen Schätzungen leben z.Zeit etwa 70 000 Sinti und 50 000 Roma in Deutschland.Menschen die Umgangsprachlich meist als "Zigeuner" bezeichnet werden. Ressentiments gegen "Zigeuner“ haben in Deutschland eine lange Tradition, und hier spannt sich der Bogen von den Reichstagen in Lindau u.Freiburg (1496/1498) über Heinrich Moritz Grellmann (1783) bis in unsere Zeit. Seit Beginn entsprechender Umfragen in den 1960er Jahren, sind „Zigeuner“ die mit Abstand unbeliebteste ethnische Gruppe der Bundesrepublik. 2002 lehnten 58% der Deutschen nach einer Umfrage von Infratest „Zigeuner“ als Nachbarn ab. Im Jahre 2011 wurde eine Studie zur aktuellen Bildungssituation von Sinti und Roma erstellt, in der Sinti oder Romafamilien unter Anderem nach ihrem Verhältnis zum Begriff “Zigeuner” gefragt wurden. Mit folgendem Resultat: 95% der Befragten bezeichnen sich im Sprachgebrauch untereinander als als Sinti oder Roma. 57,5% lehnen die Verwendung des Begriffes Zigeuner in der Mehrheitsgesellschaft ab. 14,9% der Befragten haben kein Problem mit der Verwendung des Begriffes „Zigeuner“ durch andere. 25,7% fanden, das es darauf ankommt ob dieser Begriff abwertend oder als Schimpfwort benutzt wird. Nimmt man die entsprechenden Zahlen zur Kentniss, ist festzustellen das lediglich 14.9 % der Befragten kein Problem mit der Verwendung des Begriffs Zigeuner haben, für 57,5 % ist der Begriff IMMER ein Problem gewesen und für weitere 25,7 % ist der Begriff dann ein Problem wenn er abwertend gebraucht wird. Leider sind Beleidigungen als "Zigeuner" keine Ausnahme. Jeder Fußballfan kennt vermutlich das "Zick Zack Zigeunerpack" in deutschen Stadien. Die Palette der Beleidigungen u.Klischees reicht von "nehmt die Wäsche von der Leine die Zigeuner kommen" bis zum "Dreckigen Zigeuner oder Zigeuner als Sozialschmarotzer" der mit dem Mercedes vor dem Sozial/Arbeitsamt, oder Porsche auf der grünen Wiese vorfährt und und mit schwerer Goldkette um den Hals in den Tag hinein feiert. Die Wirklichkeit sieht einigermaßen anders aus, und hat mit entsprechenden Klischees nur sehr wenig zu tun.

Zur Studie...



Leseprobe im PDF Format...

Ein Volk der Zigeuner, mit gemeinsamer Kultur, Sprache und Wertevorstellungen existiert nicht und deshalb sind Aussagen zu "Zigeunern oder Sinti und Roma" auch so schwierig. Berichterstatter wie Rolf Bauerdick reihen sich ein, in eine Liste von Journalisten die aus Sicht ihrer eigenen Kultur über "Zigeuner" schreiben aber keine Zigeuner sind. Für Rolf Bauerdick, bestimmte Ethnologen oder Historiker ist "Zigeuner ein durchaus ehrenwerter Begriff". Bauerdick argumentiert aus Sichtweise eines Beobachters der nach (eigenen Angaben) mehr als hundert Reisen in 12 europäische Länder unternommen hat und seine Erfahrungen mit osteuropäischen Roma oder spanischen Gitanos nun in dem Buch "Begegnung mit einem ungeliebten Volk" schildert. Die subjektive Sichtweise Bauerdicks und anderer Berichterstatter zu "Zigeunern" und ihrer Sozialisation, ist aber meist die Sichtweise von Außenstehenden, die wohl den Zugang zum Kern verschiedener "Zigeunerkulturen" suchen, der ihnen aber bei aller Neugier verschlossen bleibt. Nur zu oft zeigen "Zigeuner" Außenstehenden lediglich das was sie zeigen möchten, nur zu oft erzählen Berichterstatter in Büchern oder Reportagen das was Leser oder Zuschauer lesen/sehen möchten.

Wer über Mitteleuropäische Sinti oder Roma berichtet, lernt eine Alternativgesellschaft kennen die angepasst an die Mehrheit lebt, aber sich nicht assimilieren läßt weil sie ihre eigene Lebensform für eine gute, eine bessere, weil humanere Alternative hält. Im Mittelpunkt ihrer Kultur, findet sich noch die Großfamilie als zentral strukturierendes Element innerhalb des sozialen Zusammenlebens. Im Zusammenschluß von Familienverbänden, die teilweise sehr groß sein können, leben Sinti oder Roma anhand spezieller Regeln, sowie eigener Form der Rechtsprechung. Mehr als 60 Jahre nach dem größten Völkermord der Geschichte geht es immer noch, oder schon wieder um Täter oder Opfer, Schuldzuweisungen und Ressentiments in die eine oder andere Richtung. Schreiben Rolf Bauerdick und andere Berichterstatter die Wahrheit über Volksgruppen, die sich nicht den Kulturnormen der Gadjos unterordnen möchten oder (in einem Zeitraum von 20 Jahren) können?

Unabhängigkeit und das Leben mit der eigene Familie, sind für einen "Zigeuner" wichtiger als Karriere in einem Beruf oder Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Innerhalb deutscher Roma oder Sintifamilien gelten noch Werte, die der modernen Leistungsgesellschaft kontinuierlich verloren gehen. Immer mehr Menschen können beruflichem Druck und privater Isolation nicht mehr standhalten, werden Krank oder landen in der Psychiatrie. Mehr und mehr Senioren werden in Altersheime abgeschoben, wen sie nicht mehr produktiv sind oder der Familie wegen Krankheit zur Last fallen. Bauerdicks Buch ist natürlich mehr als ein Reisebericht, sondern transportiert bestimmte Botschaften über "Zigeuner". Dienen diese Botschaften der Aufklärung, oder verstärken sie tradierte Vorurteile und Klischees? Osteuropäische Roma werden das Buch Bauerdicks (bis auf wenige Ausnahmen) vermutlich nicht lesen den sie haben andere Sorgen. Westeuropäische Sinti oder Roma müssen nicht über ihre eigene Kultur,oder Probleme osteuropäischer Roma durch Journalisten aufgeklärt werden, und haben zur Zeit genügend eigene Probleme mit einer Migrationsdebatte die alles in einen Topf wirft was irgendwie nach "Zigeuner" riecht.


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Re: Sinti und die Migrationsfalle

Beitrag von Lallaru Tschawu am Mi Okt 16, 2013 3:04 am

Norbert Mappes-Niediek rezensiert das Buch von Rolf Bauerdick „Zigeuner. Begegnungen mit einem ungeliebten Volk.

"Bauerdicks Empathie für die verarmten Roma in – und aus - Südosteuropa ist sicher echt; nicht umsonst treibt die menschenfreundliche Empfindung den Reporter immer wieder in Elendsviertel, die sonst niemand betritt. Aber die Empathie hat da ihre Grenzen, wo sie den Einfühlsamen überfordert. Wir sind ja tolerant, einfühlsam, zum Teilen bereit. Aber irgendwo hört es, bitteschön, auf. Man trifft auf diesen Satz überall in Osteuropa, wo es auch viele gut meinen mit diesen Roma, irgendwann aber nicht mehr können. Man trifft sie unter Sozialarbeitern in deutschen Großstädten ebenso wie in den Chaträumen des Internet und nun leider auch bei einem Reporter, von dem man mehr hätte erwarten dürfen. Wo man sich nicht mehr identifizieren kann, ist auch der empathische Erzähler mit seinem Zugang am Ende. Den Roma von Lourdes zum Beispiel kann Bauerdick nicht raten, wie sie es besser machen sollten. „Das wahre Elend hinter der gespielten, zur Schau gestellten und gewiss auch echten Not der Roma nahm niemand mehr wahr. Das war ihre Tragik.“

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Re: Sinti und die Migrationsfalle

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